In Dialogue
У діалозі
Vom 15.01. bis 22.02.2026 tauschten Tatiana in der Ukraine (nahe Kyiv) und ich in Zürich täglich Bild und Text. Die entstandene fotografische Korrespondenz wird hier präsentiert.
(Fotografien: Tatiana Tsarenko, Simone Plüss)
I send you an Angel
I send you an angel ist die Geschichte zweier Menschen, die sich in den ersten Monaten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine kennenlernen.
Tatiana flüchtet im Frühjahr 2022 aus einem Dorf nahe Kyjiw, kehrt im Mai nach Hause zurück und findet einen kranken Welpen, sie nennt ihn Ray. Gemeinsam begleiten wir den kleinen Hund durch seine Behandlung und entdecken, dass wir beide Fotografinnen sind. Kurz darauf schickt mir Tatiana aus der Ukraine ihre alte analoge Kamera in die Schweiz. Hier entsteht eine Serie aus zwölf Bildern, die zugleich das Schöne und die Hoffnung, aber auch Trauer, Verletzlichkeit und Verzweiflung zeigen und zulassen. Die Bilder sind ein Geschenk an Tatiana.
Der erste Sommer
Eine Zwischenzeit, in der nichts mehr so ist, wie es war. Am Anfang stehen eine Fotografie von Armusco und eine Notiz, geschrieben zwei Tage vor seinem Tod: Die Angst davor, vor dem Moment, an dem etwas zu Ende geht, die Aussicht darauf. Noch ist es da, noch ist er da, aber der Gedanke daran, dass das einmal, bald, nicht mehr so sein wird, fühlt sich so schlimm an, als wäre es bereits vorüber. Plötzlich ist da diese Lücke, die über das «Nichtmehrdasein» hinausgeht. «Der erste Sommer» ist das Ergebnis einer Suche nach dem, was nicht mehr da ist, nach letzten Spuren, Erinnerungen, bevor sie weg sind, und ein Festhalten dessen, was noch da ist, um es zu bewahren.
aion
Wenn aiṓn die Ewigkeit ist und sein Gegenstück der Moment - wie kann es sein, dass meine Bilder beides gleichzeitig sind?
Es sind alltägliche, sich wiederholende Momente zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit, Bruchteile von Sekunden, für immer festgehalten auf Film, in Bildern bewahrt. Den Moment halten, bevor er wieder weg ist, um nicht zu vergessen, um uns zu erinnern.
Als Einzelbilder oder als Serien dokumentieren sie den vergangenen Moment nicht nur chronologisch, sondern als wiederkehrenden Zyklus. Zwar ist da die Gewissheit, dass sich die Momente wiederholen und erneut festgehalten werden können - stärker ist aber das Bedürfnis, die gleichen Momente immer wieder erneut festzuhalten. Sie zu fotografieren, um sie vor der Vergänglichkeit zu schützen und sie ewig, zur Ewigkeit, zu machen.
Zum Moment asynchron entstehende Texte, es sind Gedanken, Zitate, begleiten die in kleine Hefte eingeklebten Bilder, die bei der Betrachtung erneut zu fassbaren Momenten werden.
Löwenherz
Ich kenne meine Träume nicht. Sie aber kennen mich, sind da, liegen auf der Brust, da ist etwas gewesen in der Nacht, jetzt nicht mehr, nur der Abdruck ist noch da, immer noch spürbar, lange Zeit nach dem Erwachen.
Waren es Tiere oder Menschen, Steine oder Gewässer die mich begleitet haben? Was habe ich gesehen? Jetzt sind sie weg. Und wo war ich in dieser Nacht?
II - Good Morning
III - Witching Hour
1591 Miles - A True Fairy Tale
Mit Soldaten bewacht er im April 2022 einen Checkpoint in Dnipro, als es passiert: Patron wird von einem Auto angefahren und schwer verletzt ins Tierheim gebracht. Tiefe Wunden am Sprunggelenk und am Schwanzansatz, ein gebrochenes Becken – der Schwanz ist nicht zu retten und muss amputiert werden. Ich sehe Bilder von Patron und lese von der bevorstehenden Operation, schreibe dem Tierheim, biete an Patrons Patenschaft zu übernehmen. Das Tierheim sagt zu – auch, als wir vier Tage später
fragen, ob wir Patron adoptieren dürfen. Ja, sagen sie, aber erst nach dem Krieg. Patron übersteht die Operation, die Wunden verheilen. Er soll nun doch schnellstmöglich zu uns kommen. Die Einreisebestimmungen sind kompliziert, seine Betreuer in der Ukraine können diese Vorgaben nicht erfüllen. Sie schlagen vor, ihn an die Landesgrenze oder in ein Tierheim irgendwo in Polen zu bringen, dort können wir ihn abholen. Wir sind besorgt. Endlich finden wir einen Platz in Rumänien nahe der Grenze, wo er auf die Reise in die Schweiz vorbereitet werden kann. Wir geben dem Tierheim die Adresse - sie versprechen Patron nach Rumänien zu bringen und wir hören lange Wochen nichts mehr.
Juni 2022 – Good morning. It's about cat Patron. The Swiss woman told to drop the cat with you.
Patron ist in Rumänien angekommen, er ist in Sicherheit, muss aber in Quarantäne. Im August treffe ich ihn zum ersten Mal, ein stolzer Kater ist er, gerne würde ich ihn sofort mitnehmen, vier Monate soll es noch dauern, dann ist er lange genug in einem tollwutfreien Land. Erneut reise ich nach Rumänien, es ist Dezember, im Gepäck eine Katzentasche und Einreisebewilligungen für Patron. 9. Dezember, 9:45
– wir fahren nach Bukarest an den Flughafen. Elf Stunden später steigt Patron in unserer Wohnung in Zürich aus der Tasche, er weiss, dass er in seinem «für immer Zuhause» angekommen ist.
Er hat eine Reise über 1591 Meilen hinter sich.
I Send you an Angel
Bilder für Tatjana, eine Fotografin aus der Ukraine.
L'Abattoir
Portrait des Schlachthofs Zürich ausserhalb der Betriebszeiten. Stille Studie und Portrait eines unsichtbaren Ortes. L' Abattoir ist die erste Arbeit zum Schlachthof Zürich, entstanden ist ein selbstgebundenes Buch mit 25 Aufnahmen. Es existiert neben diversen Aussenaufnahmen eine kleine Portraitserie zweier Mitarbeitender sowie die Dokumentation des Schlachthofs im Betrieb.
La Forêt